Värttinä ist die derzeit wohl bekannteste
finnische Folk-Pop-Band. Und eine einzigartige: Sie haben einen traditionell
orientierten Vokal- und Instrumental-Stil geprägt, der nicht
nur in Finnland seinesgleichen sucht. Verwoben werden da alte finnische
Runen-Poesie und eigenwillige finno-ugrische Vokalharmonien, traditionelle
und moderne akustische Instrumente, komplexe und ungewöhnliche
Rhythmen, traditionelle und äußerst einfallsreiche Kompositionen
und Arrangements. Zehn Musiker/innen stehen auf der Bühne - im
Vordergrund die vier dynamisch agierenden Sängerinnen.
Dabei üben die Stimmen der Sängerinnen und die einzigartigen
Harmonien eine ganz eigentümliche Anziehungskraft aus. Die Stilistik
ist tief in der Gesangstradition der Frauen der finno-ugrischen Stämme
des Ostens verwurzelt - von Karelien, Setu und Mari über Ingria
und Mordva und auch in einigen anderen Regionen. Ein zentrales Merkmal
dieses Stils sind die äußerst dichten Harmonien, die auf
westliche Ohren ganz schön eigenartig wirken können. Aber
die Art und Weise, wie die Sängerinnen sie präsentieren,
macht die Harmonisierung dieses komplexen Stils zu einem scheinbar
einfachen Hörerlebnis.
Die Geschichte von Värttinä beginnt 1983 mit einer kleinen
Gruppe junger Mädchen in der Region Karelien im Osten Finnlands
- allen voran die Schwestern Sari und Mari Kaasinen. Sie entdecken
die Lust am Singen und Vortragen alter karelischer Volksweisen und
Volkslieder und begleiten sich auf der Kantele (das der Zither ähnliche
finnische Nationalinstrument). Anfangs natürlich nur aus Spaß
- aber den Mädchen gelingt es sehr schnell, die nahezu schon
vergessenen karelischen Volkslieder wieder zu beleben und sie auf
ganz neue Weise zu präsentieren. In den frühen Tagen besteht
die Gruppe aus einundzwanzig Mitgliedern - davon fünfzehn singenden
Mädchen und sechs Jungs, die in diesem Rahmen modern anmutende
Instrumente wie Akkordeon, Saxophon, Kontrabass und Gitarre spielen.
Den Sängerinnen wird das einfache Rezitieren und in Konventionen
verhaftete Singen bald zu langweilig; sie erfinden einen energischen
und kraftvollen Gesangstil - laut, fast schon schreiend. Dieses Gesamtkonzept
ist in Finnland und in der Folkmusic neu und sehr provokativ. Värttinä
hat den Grundstein für die eigene Originalität und Innovationskraft
gelegt.
Nach sechs bemerkenswert erfolgreichen Jahren in Finnland, zwei Album-Veröffentlichungen
und mehreren Tourneen, schrumpfen die erwachsenen Värttinä
Anfang der 90er Jahre zu einer zehnköpfigen Truppe. Einige der
besten finnischen Roots- und Rockmusiker stoßen zur Band, fünf
Sängerinnen verbleiben an vorderster Front; vier nach dem Ausscheiden
von Mitbegründerin Sari Kaasinen 1996. Musikalisch geht die Entwicklung
tendentiell in Richtung Pop und Rock, aber alles bleibt 100% akustisch.
Der Gesang wird kompakter, die Arrangements ausgefeilter und die Texte
provokativer. Das Resultat ist das Album "Oi Dai"- in Finnland
über Nacht ein Erfolg und vergoldet, mittlerweile Platin-Status.
Insgesamt sieben Studio-Alben hat die Band veröffentlicht; mit
den letzten beiden Alben beginnt eine stetig intensiver werdende Entdeckungsreise
in die Welt der karelischen Runen. Runen sind antike, gesungene Reime
mit einem ganz besonderen, sich wiederholenden, alliterierenden Stil.
Sie sind in der karelischen Folklore buchstäblich zu Tausenden
zu finden. - Der Gesang der Band wird zunehmend komplexer und dynamischer,
die Kompositionen und Arrangements mutiger und die Perkussion wird
viel weitläufiger und effektiver eingesetzt als in der Vergangenheit.
So innovativ und progressiv die Musik von Värttinä auch
ist - ihre Konzerte sind ein pures Vergnügen. Drama und Dance
Music gehen fließend ineinander über und sorgen für ein
unvergleichliches Live-Erlebnis. 2001 veröffentlichen Värttinä
ihr erstes Live-Album mit dem Titel "6.12.", aufgenommen
im Dezember 2000 im renommierten Savoy Theater, Helsinki. Hier sind
sie lebendig festgehalten: die außergewöhnlichen sängerischen
und musikalischen Fähigkeiten, die Dramatik und die vielseitige
Dynamik der Band. Präsentiert werden die populärsten Songs
live und in neuem Gewand. Denn während Värttinä im
Studio überwiegend akustisch arbeiten, nutzen sie auf der Bühne
die Möglichkeiten der elektrischen Verstärkung ihrer akustischen
Instrumente.
Der natürliche Spaß und die aufrichtige Lust am Singen und Auftreten
ist den vier jungen Damen anzuhören und anzusehen: sie durchleben
förmlich eine ganze Skala der Gefühle. Ob ein unheilvolles
Drama in Songs wie "Aijö" (ein in der Tradition verwurzeltes
Stück, das die Geschichte eines verrückten alten Mannes
erzählt, der eine giftige Schlange verzaubert) - oder ob temperamentvolle
Dance-Tracks à la "Laulutyttö" mit der Euphorie
eines jungen Mädchens, dem der Gesang in die Wiege gelegt wurde
- oder ob das sanfte Wiegenlied "Milja": die Sängerinnen
und Musiker von Värttinä liefern eine atemberaubende Performance
ab. Das Video zu "Aijö" ist als Bonus auf der aufwendig
gestalteten CD enthalten. |